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Selektive Authentizität: Wie Teams echte Verbundenheit am Arbeitsplatz schaffen

  • Autorenbild: Linda
    Linda
  • 6. Aug. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

"Im Job muss ich anders sein": Warum Authentizität auf der Arbeit wichtig ist


Vor zwei Wochen hatte ich ein eindrückliches Erlebnis mit jungen Azubis, die am Anfang ihres Berufslebens stehen. Ich durfte ein Seminar halten und habe sie gefragt: Was unterscheidet Kommunikation am Arbeitsplatz von Kommunikation mit Freund*innen oder der Familie? 

 

Eine Antwort ist mir am meisten im Kopf geblieben: Zwang. Für viele der Azubis war klar: Am Arbeitsplatz gelten soziale Regeln, denen man sich unterwerfen muss. Normen, in die man sich zu pressen hat, um erfolgreich zu sein oder zumindest keinen Anschiss „von oben“ zu bekommen. 

 

Da saßen also junge Leute vor mir, die alle ganz unterschiedlich waren. Was sie geeint hat, war die Überzeugung, dass sie so, wie sie sind, am Arbeitsplatz auf keinen Fall in Ordnung sind. Und mir wurde klar: Diese Leute verstehen schon ziemlich gut, wie der Hase läuft. Manche sind bereits Profis im Aufbau professioneller Fassaden. Andere schienen resigniert zu haben und schon in der Ausbildung ein Leben von Pause zu Pause, Feierabend zu Feierabend zu führen - mit noch nicht mal zwanzig Jahren. 


Collage: Links ist eine graue Fassade zu sehen. Rechts befindet sich ein Fenster, duch das bunte Muster und eine Blumenwiese zu erkennen sind. Unten steht: "selektive Authentizität"


Entfremdung: Warum wir uns auf der Arbeit verbiegen


Soziolog*innen bezeichnen das, was die jungen Azubis und viele von uns erleben, als Entfremdung – von uns selbst, der Natur und von unserer Arbeit. Das war nicht immer so! Erst durch die europäische Aufklärung und Industrialisierung wurde Arbeit „entzaubert“: Es entstand eine stark rationalistische Arbeitskultur. Menschen verloren dadurch mehr und mehr den Bezug zu ihrer Arbeit und sollten zu ersetzbaren, effizienten Rädchen im Getriebe werden.

 

Authentizität und die Suche nach Verbindung


Heute scheinen jedoch immer mehr Menschen einen neuen Bezug zu ihrer Arbeit zu suchen. Ein Schlüssel hierfür ist die Möglichkeit, am Arbeitsplatz authentisch zu sein. Nicht, weil das so gut klingt – sondern weil Authentizität die Grundlage dafür bildet, dass Menschen in und mit Organisationen wachsen können, anstatt sich zu verbiegen.

 

Aktuelle Zahlen belegen diese Haltung: Laut der ComTeamGroup-Studie „To be or not to be …me“ (2021) halten neun von zehn Befragten Authentizität am Arbeitsplatz für wichtig oder sogar absolut wichtig. Die Gründe sind vielfältig: Es geht um die Vereinbarkeit mit den eigenen Werten, um persönliche Gesundheit und gelingende Zusammenarbeit.


Vorteile von Authentizität am Arbeitsplatz


Die Studie zeigt außerdem: Wer sich im Arbeitsalltag authentisch verhalten kann,

  • ist engagierter,

  • erlebt weniger Konflikte zwischen Beruf und Privatleben,

  • und fühlt sich stärker mit dem Arbeitgeber (und seiner Arbeit?) verbunden.

 

Laut Michael Dicks trägt Authentizität am Arbeitsplatz damit auch zu gesellschaftlichem Zusammenhalt bei und ermöglicht einen kreativeren, lernenden Umgang mit Veränderungen und Herausforderungen. Auch wenn das Wort schwer auszusprechen ist, klingt es also nach etwas, das unsere Welt braucht!


Strategien und Risiken: lieber nur selektiv authentisch


Authentizität heißt dabei nicht, immer alles ungefiltert rauszulassen oder keine Rücksicht zu nehmen. Sie hat mit innen und außen zu tun: dem, was mich ausmacht, Reflexion und Lernen sowie einem Bewusstsein für das, was der Kontext gerade braucht. Die deutsche Psychoanalytikerin Ruth Cohn nennt das "selektive Authentizität".


Ich mag dieses Konzept, weil es wesentlich realistischer und gesünder scheint als "sei einfach du selbst"-Slogans. Schließlich ist authentisch zu sein in einer Arbeitswelt voller Ungleichheiten ein Privileg. Für viele Menschen stellt es schlicht eine Gefahr dar, sich zu zeigen, so wie sie sind. "Entfremdung" ist hier auch ein legitimer Selbstschutz.



Was du mit deinem Team beim Thema Authentizität beachten musst


Deshalb ist es wichtig, sich folgendes bewusst zu machen: 

 

🚩Authentizität beruht auf Freiwilligkeit

und lässt sich nicht verordnen. Wenn sie zur indirekten Steuerung innerhalb von Organisationen genutzt wird, erhöht sie besonders bei vulnerablen Gruppen sogar den psychischen Druck. Deshalb: Niemand hat ein Recht auf dein "wahres ich", schon gar nicht dein Arbeitgeber. 


⚠️ Wieviel ist Authentizität meiner Organisation wirklich wert?

Auch wenn schillernde Organisations-Leitbilder oft etwas anderes suggerieren, gilt Authentizität auf der Arbeit meist immer noch wesentlich weniger als z.B. Produktivität oder Loyalität. Man denke nur an diverse Whistle-Blower-Skandale und viele unbekannte Menschen, die ihre Organisationen verlassen müssen, um ihren Werten treu zu bleiben. 



3 erste Schritte für mehr Authentizität im Team


Wo also anfangen? Hier sind ein paar Ideen für erste Schritte: 


  1. Zuhören: Gute Übung für Teams, um darüber ins Gespräch zu kommen, welche Voraussetzungen es braucht, damit sich jede*r selbst und auch alle anderen authentisch verhalten können: Gehört, gesehen, respektiert! 


  2. Grenzen pflegen: Authentizität geht nur mit klaren Grenzen. Mach dir eine Liste mit zwei Spalten: links Dinge, die für dich auf der Arbeit okay sind. Rechts Dinge, die nicht okay sind. Du kannst auch unterschiedliche Kategorien nutzen, z.B. Kommunikation, Intimsphäre, Finanzen, Socializing, ... (Übung angelehnt an Terry Cole). Formuliere dir dann konkrete Sätze vor, mit denen du deine Grenzen auf der Arbeit angemessen und trotzdem bestimmt setzt. Und übe das!


  3. Klar Kommunizieren: Am besten mit dem klassischen 4-Seiten-Modell von Friedemann Schulz von Thun. Versuche heute mal, bei allen Nachrichten, die du sendest (verbal oder schriftlich) dir aufzuschreiben und bewusst zu machen: Wie geht es mir gerade wirklich? Wie steht's um die Beziehung zu der Person, mit der ich kommuniziere? Welchen sachlichen Inhalt will ich übermitteln? Wozu will ich die andere Person auffordern?



Mehr Ressourcen zum Thema Authentizität am Arbeitsplatz:

 

📺 Ich habe einen neuen Lieblings-youtube-Kanal! Bei mentalwohl erklärt die junge Psychologin Alice Nassr z.B., wie man Emotionen besser regulieren kann. Es ist schließlich gar nicht so einfach, authentisch mit seinen eigenen Gefühlen am Arbeitsplatz umzugehen, ohne sie einfach wegzudrücken oder ungefiltert rauszulassen. Und auch zum Thema Grenzen setzen gibt es ein Video mit wissenschaftlich fundierten Tipps. (DE)

 

🛗 Raúl Krauthausen's Podcast "Im Aufzug" ist generell eine große Empfehlung. Die Folge mit Philosophin, Ökonomin und Gründerin der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung Silja Graupe regt zum Nachdenken an. U.a. geht es um Authentizität und Behinderung. (DE)

 

🤭 Brené Brown weiß, was Authentizität am Arbeitsplatz oft im Weg steht: Scham! In Dare to Lead (DE/EN) räumt die bekannte Sozialwissenschaftlerin damit auf. 

 

🔎 Wer sich für eine soziologisch-wissenschaftliche Perspektive interessiert, dem empfehle ich Michael Dicks Beitrag „Authentizität und Organisation: Möglichkeiten zur Persönlichkeitsentwicklung in der Arbeit“. (DE)

 

👉 Was heißt eigentlich "authentisch"? Statt langer Definitionen mag ich dieses prägnante Gebärdensprachzeichen. (EN)



Dieser Text wurde zuerst in meinem Newsletter messy projects, Ausgabe 9 am 07.08.2025 veröffentlicht. Du willst meinen kompletten Newsletter einmal im Quartal erhalten? Dann melde dich hier an:




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