top of page

Abschiede im Team gestalten

  • Autorenbild: Linda
    Linda
  • 9. Jan. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

4 Ideen für bewusste Verabschiedung am Arbeitsplatz


Tschüss, Kollegen.


In den letzten Wochen des Jahres 2024 sind mir Abschiede auf Schritt und Tritt gefolgt: Der Abschied vom Ort und dem gesamten Team meines Nebenjobs, weil der Standort wortwörtlich abgebaut wurde. Von einer ganzen Infrastruktur an Projekten, Institutionen und Kolleg*innen in der Berliner Kultur- und Soziallandschaft, die es seit Januar nicht mehr gibt. Und von einer geschätzten Mentorin, deren Emailadresse ich vor dem Versand dieser Ausgabe für immer aus dem Verteiler werde löschen müssen. 

 

Deshalb habe ich mich gefragt: Wie ist das auszuhalten? Wie gehen wir um mit Abschieden im (Arbeits)leben, die wir uns nicht aussuchen? Und wie können wir uns dabei zur Seite stehen als Kolleg*innen oder Leitungspersonen? 


Well-rounded endings am Arbeitsplatz


Bei meiner Recherche bin ich über die Arbeit von Bettina Schwörer und Nora Rebekka Krott gestolpert. In ihrem Forschungspapier „Saying Goodbye and Saying it well“ haben die Psychologinnen untersucht, wie Menschen mit dem Ende von Lebensphasen umgehen. Sie stellen fest: Wer es schafft, bewusst Abschied zu nehmen, kann besser mit Verlusten umgehen. Sie nennen das „well-rounded ending“.

 

Laut Schwörer und Krott zeichnet sich ein gut abgerundetes Ende durch das Gefühl aus, alles getan zu haben, was man hätte tun können und alle losen Enden geklärt zu haben. Mit anderen Worten: Je besser der Abschied von etwas Vergangenem, desto einfacher ist der Weg in die Zukunft. 


Pusteblume

 

Während wir im Privatleben hierfür einige Rituale haben, fehlen sie im Arbeitsleben oft oder werden sogar verweigert. Deswegen habe ich ein paar Ideen gesammelt, um Abschied zu nehmen oder zu feiern. 


Vier Ideen für bewusste Abschiede im Team:


1. Trauer benennen und anerkennen 🌧️

 

Ungewollte Abschiede führen zu Trauer, die sehr individuell ist und viele Gesichter haben kann. Es gibt auch kollektive Trauer (EN), wenn Gruppen einen Verlust teilen. Z.B. nach dem Tod einer gemeinsamen Kolleg*in, Massenkündigungen oder Katastrophen, die ganze Communities betreffen. So wie auch bei anderen Emotionen ist es deshalb besonders bei Abschieden wichtig, Trauer innerhalb von Gruppen zu benennen und anzuerkennen. 

 

  • Klare Worte finden: Führungskräfte haben bei Abschieden die Verantwortung, Trauer zu normalisieren und flexibel und empathisch damit umzugehen. Das ist super herausfordernd und kann ein einsamer Job sein, zumal natürlich auch Führungskräfte trauern! Deshalb, liebe Führis: Externe Unterstützung suchen.

  • Kein Business as Usual: Es ist wichtig sichtbar zu machen, dass gerade ein Abschiedsprozess stattfindet. Das kann z.B. eine Kerze sein, ein Foto, ein stiller Raum oder ein anderes Symbol, das zum Anlass passt.

  • Gemeinsam aktiv werden: Je nach Anlass z.B. Angehörigen oder Communities Beileid ausdrücken, gemeinsam zu Demos gehen, Spenden für einen bestimmten Zweck sammeln, eine Abschieds- (oder Abriss-)party organisieren etc.

  • Prinzip der Freiwilligkeit: Nicht jede*r kann und will am Arbeitsplatz trauern und permanent an Abschiede erinnert werden. Respektiert das und lasst auch dafür Räume offen!

 

2. Klarheit ist Fürsorge (und Führungsaufgabe) 📋

 

Gut abgerundete Abschiede brauchen Klarheit und müssen organisiert werden. Das hat viel mit Fürsorge und Wertschätzung zu tun. Formelle und organisatorische Dinge sollten deshalb vom Arbeitgeber so schnell, sachlich und transparent wie möglich kommuniziert werden. Z.B.:

 

  • Was sind die nächsten Schritte und Konsequenzen? Wann endet z.B. mein Arbeitsvertrag? Ggf. Fakten und Hintergründe erklären.

  • An wen kann ich mich bei Gesprächsbedarf wenden? Welche Unterstützungsangebote gibt es? Gibt es eine Abschieds-/Trauerfeier?

  • Organisatorische Verantwortung übernehmen: Z.B. Zeugnisse und Empfehlungsschreiben ausstellen, zusätzliche freie Tage und externe Supervision ermöglichen, Arbeitspensum ggf. innerhalb der Organisation reduzieren oder umverteilen.

  • Feedback:  Abschied bedeutet auch, dass das die letzte Möglichkeit für Feedback ist. Also teilt wertschätzend die Dinge, die noch gesagt werden wollen. The good, the bad and the ugly.

 

3. Vergangenheit und Zukunft feiern 🎈

 

Abschiede zu feiern ist extrem wichtig und kann ganz unterschiedliche Formen haben. Sie dürfen immer beides sein: traurig und lustig, still und fulminant. Dabei sind sowohl der Blick auf die Vergangenheit als auch in die Zukunft wichtig. Abschiedsfeiern sind DER Moment, um lachend und/oder weinend in der Vergangenheit zu schwelgen, Danke zu sagen und gute Wünsche mitzugeben. Jap, auch auf Arbeit! Methoden dafür sind sehr kontextabhängig. Meine Ideen für Abschiedsfeiern sind z.B.: 

 

  • Eine Galerie mit Gegenständen, Musik und Bildern, die die Gruppenmitglieder mit der vergangenen Zeit verbinden. Das kann unterhaltsam und lustig sein, aber auch andächtig gestaltet und z.B. mit Schweigeminuten verbunden werden.

  • Zum Dankesagen könnt ihr eine Award-Zeremonie veranstalten und jedem Teammitglied einen Preis für Dinge verleihen, für denen ihr der Person besonders dankbar seid. Danke Sagen und Geschenke sind jedenfalls immer eine gute Idee.

  • Eine schöne Abschieds- oder Abschlussmethode (DE) ist das gegenseitige Schreiben von Briefen, bei der jede Person eine Karte mit guten Wünschen für die Zukunft mit nachhause nehmen kann.

  • Diese Frage solltet ihr euch unbedingt stellen und euch am besten gegenseitig erzählen: Was nehmt ihr aus der vergangenen Zeit mit in die Zukunft? Das können z.B. Kontakte, Perspektiven oder Fähigkeiten sein.

  • Die wohl älteste Methode, um Abschiede zu feiern: Gemeinsam Essen. Egal ob Office Potluck oder großer Suppentopf – Essen spendet Trost und macht Abschiede besser verdaubar.

 

4. Selbsthilfe-Kit ❤️‍🩹

 

Tja und dann gibt es die Abschiede in Teams, die alles andere als „well-rounded“ sind, sondern eher gewaltvoll oder eine hohle Performance. Z.B. weil man im Streit auseinandergeht, vom Arbeitgeber geghostet oder einfach schlecht behandelt wurde. Hierzu sei gesagt: Du schuldest niemandem einen runden Abschied! Stilles Davonstehlen oder Verschwinden mit einem Knall ist in manchen Situationen angebracht und total okay. Deshalb hier mein Mini-Erste-Hilfe-Kit für verkorkste Abschiede:

 

  • Frag dich: Was würde dir dabei helfen, offene Enden nicht mit in die nächste Phase zu schleifen? Du kannst z.B. Kolleg*innen eine Dankeskarte schicken, von denen du dich nicht verabschieden konntest. Es kann aber auch ein kritischer Brief sein, den du an deinen Arbeitgeber schickst (oder ihn verbrennst…je nach Inhalt). Danke Carola für den Tipp!

  • Im Zweifel gib dir selbst das well-rounded Ending, das dir sonst niemand gibt! Schreib dir z.B. ein super gutes Zeugnis mit allem, was du gewuppt und ausgehalten hast und wofür du dir dankbar bist. Du kannst dir sogar im Namen einer anderen Person oder eines Arbeitgebers einen Entschuldigungsbrief schreiben. Warum nicht?

  • Mach dir auf jeden Fall bewusst, was du alles gelernt hast und mitnehmen willst – und was getrost in der Vergangenheit bleiben darf. Dann lade ein paar Freud*innen ein und bestell dir eine große Pizza.



Mehr Ressourcen zum Thema Trauer im Team:

 

Abschiede und Trauer im Zusammenhang mit Tod sind natürlich ein ganz eigenes Thema. Deshalb hier noch zwei Links dazu.

 

🕯️Trauerbegleiterin Christine Kempkes schreibt in diesem Artikel über den Umgang damit, wenn Teammitglieder versterben (DE). 

 

🌸 Trauerwissen To Go sowie Trauerbegleiter*innen für Teams und Unternehmen finden sich z.B. auf der Seite der fabelhaften Trauer Taskforce. Z.B. wenn sich ein einzelnes Teammitglied in Trauer befindet. (DE)



Dieser Text wurde zuerst in meinem Newsletter messy projects, Ausgabe 8 am 09.01.2025 veröffentlicht. Du willst meinen kompletten Newsletter einmal im Quartal erhalten? Dann melde dich hier an:




Habe ich etwas wichtiges vergessen oder nicht gut dargestellt? Worüber sollte ich (mehr) schreiben? Bitte immer her mit deinen Kommentaren, Anregungen und Kritik: info@lindaweichlein.com 

 
 
 

Kommentare


Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Bitte den Website-Eigentümer für weitere Infos kontaktieren.
bottom of page