Was passiert, wenn wir aufhören, gegen das Chaos anzukämpfen?
- Linda

- 3. Mai 2023
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. Nov. 2025
Eine Einladung zu mehr Leichtigkeit im Projektmanagement

Planungsillusionen: Wie eine Postkarte mein Verständnis von Projektmanagement veränderte
Als ich nach einem Namen für diesen Newsletter gesucht habe, musste ich an eine ehemalige Kollegin denken. An ihrem Bildschirm hing lange eine Postkarte, auf der groß zu lesen war: „Planungsillusion“. Ich mochte diese Postkarte sehr und gleichzeitig hat sie mich total provoziert. Denn:
Ich wurde dazu ausgebildet, Projekte zu planen, zu „managen“ und umzusetzen. Wo es messy wurde, sollte ich Ordnung schaffen.
Künstlerische und organisatorische Prozesse verliefen oft getrennt voneinander und ein gutes Projekt war für mich eines, das besonders nah an Plan A oder B passierte. Wenn dann alles anders kam (Überraschung: eigentlich immer), hatte ich schlaflose Nächte, war gestresst und hatte das Gefühl, als Projektmanagerin zu versagen.
Oft ist es wichtig einen Plan zu haben. Gleichzeitig interessieren mich heute vor allem Strategien, die dann greifen, wenn alles anders kommt. Pläne, die gemeinsam gesponnen werden, flexibel sind, Raum für Entwicklung, aber auch Trauer eröffnen, unterstützen und Halt geben, ohne einzuengen. In der Praxis ist das gar nicht so leicht.

Hier kommen deshalb fünf Dinge, die ich gerade lerne:
Willkommen im Chaos: Warum Priya Parker uns zeigt, wie wir gemeinsam wachsen
"Was für ein Chaos! Willkommen in diesem Chaos!" In einem Interview des Podcast On Being (EN, mit Transkript) spricht die indisch-amerikanische Facilitatorin Priya Parker darüber, dass einige Meetings und Zusammenkünfte schon lange nicht mehr funktionieren. Obwohl die Pandemie mehr Aufmerksamkeit für die Art und Weise geschaffen hat, wie wir zusammenkommen, scheint nun alles weiterzugehen wie bisher. Anstatt so zu tun, als sei alles „wieder in Ordnung“ (war es nie!), plädiert Parker dafür, dem Chaos gemeinsam und mit einer offenen Haltung zu begegnen, innezuhalten und zu fragen: Was brauche ich gerade? Was brauchst du? Was brauchen wir gerade als Team oder Organisation? Was braucht die Welt?
Bilder statt Tabellen: Wie Metaphern und Landschaften Projekte lebendig machen
Um mit Gruppen Projekte zu entwickeln und zu planen, helfen mir Bilder total – das können sowohl tatsächliche Visualisierungen sein als auch sprachliche Bilder und Metaphern. Das macht es oft einfacher, komplexe Zusammenhänge zu benennen und sich darin zu verorten.
In den letzten Jahren habe ich z.B. angefangen, Projekte, aber auch Veranstaltungen mehr in Landschaften oder organischen Prozessen zu denken. Ein schönes Beispiel hierfür ist dieser Beitrag von There Is An Alternative zum Projekt CULTIVATE mit der Stadt Dundee, UK (übrigens auch sehr spannend zum Thema Evaluierung und Lernen).
Leitsterne in stürmischen Zeiten: Wie Visionen und Körperwissen uns orientieren
Was bietet Orientierung inmitten von Unsicherheit und vielfältigen Krisen? Wenn sich alle “Masterpläne” in Luft auflösen, hilft es, gemeinsame Leitsterne in Form von Visionen, Werten und Zielen zu haben.
Die Beziehung zu unseren und anderen Körpern beeinflusst so ziemlich alles – auch unsere Organisationen, Projekte und sogar die gebaute Umwelt. Deshalb können wir auch unsere Körper bewusst als Kompass nutzen. Eigentlich wollte ich den ganzen Newsletter zum Thema Körper schreiben, weil mich das Buch „The body is not an apology“ von Sonya Renee Taylor (EN) so beeindruckt hat. Aber ich muss es noch länger sacken lassen. Große Leseempfehlung!
(Ver)Lernen als Superkraft: Warum Rückwärtsgehen manchmal der beste Weg nach vorne ist
Ich bin großer Fan des kleinen Bandes „Am Anfang war der Beutel“ (DE) mit verschiedenen Aufsätzen der US-amerikanischen Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin. Darin erzählt sie u.a. von einem Sprichwort der Mushkegowuk aus Perspektive eines Stachelschweins, das sich rückwärtsgehend in eine Felsspalte zurückzieht und dabei gleichzeitig nach vorne schaut. Ich glaube es ist wichtig, sich immer wieder in diesen Modus zu begeben – besonders dann, wenn gerade irgendetwas nicht zu funktionieren scheint. Rückwärts gehen und nach vorne schauen ist für mich der Kern von guten Evaluierungen und Grundlage für Lernen! Dafür braucht es gerade in überfordernden Momenten Raum für Reflexion.
Loslassen und gemeinsam träumen: Wie Dragon Dreaming Projekte zum Leben erweckt
Den Dragon Dreaming-Leitsatz “get things safely out of control” hatte ich mir notiert, bevor ich die Methode näher kannte. Dragon Dreaming bietet Ansätze, um von der Idee einer einzelnen Person zu gemeinsam getragenen Projekten zu kommen. Besonders gefällt mir der Projektkreislauf aus Träumen, Planen, Machen und Feiern.
Ilona Koglin stellt den alternativen Projektmanagement-Ansatz in ihrem Playbook (DE) anschaulich vor und präsentiert verschiedene Methoden – auch mit einer überfälligen (selbst-)kritischen Kontextualisierung ihrer Entstehungsgeschichte.
Wie findest du Leichtigkeit im Chaos?
Schreib mir an info@lindaweichlein.com.
Mehr Inspiration und Ressourcen für dich:
🎢 „Schon mal von einem 10- oder 15-Meter-Turm gesprungen?“ LinkedIn-Beitrag von Julia Wissert (Intendantin des Schauspiel Dortmund) darüber, warum ein Zurück ins alte Normal keine Option ist. (DE)
⚓“The body as compass” Interview des Podcast For The Wild mit Nkem Ndefo. (EN)
⚡„Spannung als Kompass“ Podcastfolge des betterplace lab über den Körper als Kompass mit holistic facilitator, somatic coach und healing being Pasquale Virginie Rotter. (DE)
🕸 Wie kann man Prozesse als Ökosysteme gestalten? Denkanstöße geben diese multispecies Karten. (EN)
Dieser Text wurde zuerst in meinem Newsletter messy projects, Ausgabe 2 am 04.05.2023 veröffentlicht. Du willst meinen kompletten Newsletter einmal im Quartal erhalten? Dann melde dich hier an:
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