Konflikt-Deeskalation in gemeinwohlorientierten Projekten: So löst du Konflikte frühzeitig
- Linda

- 20. März
- 4 Min. Lesezeit
Warum wir uns mehr auf Win-Win-Lösungen konzentrieren sollten

Fehlende Vorbilder: Konflikte eskalieren schnell, auch in Teams gemeinnütziger Projekte
Wenn ich mich so umsehe in der Welt, haben wir gerade die denkbar schlechtesten Vorbilder für Konfliktlösung.
Viele der heutigen Staatsmänner und -frauen setzen auf Eskalation statt auf Diplomatie, in den sozialen Medien verdienen Unternehmen gutes Geld mit dem Befeuern von Konflikten und mal ganz ehrlich: wer kann schon von sich behaupten, dass man von seiner Familie gelernt hat, Konflikte konstruktiv zu führen?
Kein Wunder also, dass Konflikte in Teams oft alles andere als geschmeidig ablaufen und uns schnell um die Ohren fliegen. Wir wissen es halt nicht besser.
Aber: Es geht auch anders!
Konflikte sind normal – und sogar notwendig für die Teamentwicklung
Ein Konflikt entsteht, wenn sich verschiedene Bedürfnisse oder Interessen gegenüberstehen bzw. aufeinanderprallen (lat. conflictus = Zusammenstoß).
Deshalb hier die schlechte Nachricht für die Konfliktscheuen unter euch: Konflikte sind ganz normal und unvermeidlich. Die gute Nachricht ist: Konflikte müssen nicht in kompletter Eskalation enden.
Der US-amerikanische Psychologe Bruce Tuckman geht sogar noch weiter. Laut seinem Modell durchlaufen viele Teams erst eine konfliktreiche Phase, bevor sie überhaupt richtig gut zusammenarbeiten können.
Aber wie überstehen wir diese stürmische Zeit?
Eigenes Konfliktverhalten reflektieren: Selbstkenntnis ist der erste Schritt zur Deeskalation
Zuerst ist es wichtig, unseren Autopiloten zu kennen. Je nach Situation und Stimmung tendieren wir in Konflikten automatisch zu einem Modus.
Diese Modi sehen in etwa so aus (frei nach Thomas & Kilmann):
💨 Ich misch mich da besser nicht ein, byeeee…
🥊 ICH! MUSS! GEWINNEN!
🏳️ Sorry, dass ich was gesagt hab. Ist auch gar nicht so wichtig. Alles, was du willst! Hauptsache, du bist glücklich.
🤝 Was soll's, man muss halt ein paar Abstriche machen, um auf einen Nenner zu kommen.
✨ Ich glaube es gibt eine Lösung, von der wir alle etwas haben. Lass sie uns gemeinsam suchen.
Sozialisierung und Machtgefälle in Konflikten: Warum Frauen* und marginalisierte Gruppen oft benachteiligt werden
Alle Typen haben Vor- und Nachteile (DE). Wozu wir neigen, hängt auch mit unserer Sozialisierung zusammen und ist oft eine legitime Überlebensstrategie.
Diese Studie (EN) hat z.B. gezeigt, dass Frauen* eher zu kooperativen Stilen neigen, während männlich sozialisierte Menschen in Konflikten durchsetzungsstärker agieren – besonders als Führungskräfte. Das ist keine Überraschung.
Frauen*, besonders of Colour werden in patriarchalen, weißen Dominanzkulturen oft als „konfrontativ“ oder „aggressiv“ wahrgenommen, wenn sie Konflikte aktiv ansprechen und für sich einstehen. Das ist fatal, weil gerade marginalisierte Gruppen allen Grund dazu haben.
Eine kritische Reflexion von Konfliktverhalten ist deshalb eine Frage von sozialer Verantwortung gegenüber anderen UND empowernd für uns selbst. Denn dadurch können wir uns Lösungsstrategien bewusster aussuchen, anstatt sie dem Autopiloten zu überlassen.
Win-Win-Lösungen finden: Praktische Tipps für deeskalierende Konfliktgespräche in gemeinnützigen Teams
Stellen wir uns also mal vor, alle können in einem Konflikt gewinnen. Laut dem Eskalationsmodell des österreichischen Politikwissenschaftlers und Konfliktforschers Friedrich Glasl sind solche Win-Win-Lösungen nur in der „kühlen“ Anfangsphase von Konflikten möglich.
Auch wenn’s unangenehm ist: Früh ansprechen lohnt sich also!
Vorbereitung ist alles: So bereitest du dich auf ein Konfliktgespräch vor
Knopfsammlung anlegen: Manche Leute drücken genau die Knöpfe, die bei uns automatische Reaktionen triggern. Also: Kenn deine Knöpfe und deinen automatischen Konfliktmodus! Übe, wie du damit umgehen willst. Z.B. auch mit therapeutischer oder kollegialer Unterstützung.
Ziel, Bedürfnisse und Rolle bewusst machen: Worum geht es mir eigentlich? Welches Ergebnis wünsche ich mir? Wie will ich den Konflikt weiterbringen?
Mensch sehen: Je weiter Konflikte eskalieren, desto mehr tendieren wir zu Vorurteilen und Freund-Feind-Denken. Damit das nicht passiert, kannst du vor dem Gespräch eine mentale Liste machen: Wofür schätze und respektiere ich die andere Person?
Im Gespräch: So bleibst du konstruktiv, auch wenn die Emotionen hochkochen
Aus dem Autopilot aussteigen: Das dauert meistens nur 30-60 Sekunden. Hierfür kann es helfen kurz durchzuatmen, um eine Pause zu bitten oder sich ggf. in einem anderen Rahmen zu verabreden. Wichtig: Es geht hier nicht darum, Emotionen wegzudrücken. Sie sollen nur nicht die Kontrolle übernehmen – die willst du schließlich behalten.
Aktives Zuhören, Spiegeln & Nachforschen: Was ist der Konfliktgegenstand, um den es der anderen Person geht? Was habe ich verstanden? Was muss ich noch wissen?
Kommunikation: Ich-Botschaften, „ja, und…“ statt „ja, aber“, gute Absicht unterstellen.
Nach dem Gespräch: Dranbleiben
Konflikte müssen nicht immer eine „Lösung“ hervorbringen, um produktiv zu sein. Ein gutes Ergebnis ist auch, die andere Seite (oder sich selbst) besser zu verstehen. Welche kleinen Schritte kannst du nach dem Gespräch gehen, um den Konflikt weiter zu entschärfen und gut mit dem Konfliktgegenstand umzugehen?
Tools und Ressourcen für Projektmanager*innen: Weiterführende Tipps und Methoden
🌪️Die zwei sehr sympathischen Coaches Debbie „Debs“ Green und Laura "Lau" Thomson-Staveley verraten in ihrem Podcast Secrets from a Coach ein paar Geheimtipps, um als Team gut durch stürmische Phasen zu kommen. Und das in schönstem British English! (EN)
🐰Was hat der Super-Bowl Auftritt von Bad Bunny mit Konflikt(un)fähigkeit zu tun? Die US-amerikanische Mediatorin Dr. Lynne Maureen Hurdle hat einen schönen Text dazu geschrieben. (EN)
🗺️ Manche Konflikte sind unübersichtlich. Eine Skizze kann da helfen: wer sind die Akteur*innen, wie stehen sie zum Konflikt und wer ist noch betroffen? Eine Anleitung zur Erstellung einer Konfliktlandkarte gibt’s z.B. bei den Kolleg*innen von Projekte leicht gemacht. (DE)
💥Die US-amerikanische Journalistin Amanda Ripley hat ein Buch über Konflikte geschrieben, die sich in voller Eskalation befinden. Und sie spricht mit Menschen, die einen Weg aus ihnen gefunden haben. (EN)
Dieser Text wurde zuerst in meinem Newsletter messy projects, Ausgabe 11 am 20.03.2026 veröffentlicht. Du willst meinen kompletten Newsletter einmal im Quartal erhalten? Dann melde dich hier an:
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