Warum fällt das Grenzensetzen in NGOs, Kultur & Sozialem so schwer?
- Linda

- 25. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. Juli
7 Schritte, was du mit deinem Team für gesündere Grenzen im Job tun kannst.

Die Trockensteinmauer als Metapher: Warum Grenzen Wachstum ermöglichen
Grenzen sind ein zweischneidiges Schwert. Sie stehen für Mauern, Abschottung, Stacheldraht, Leid und Mord. Gleichzeitig sind Grenzen dafür da, uns und unsere Bedürfnisse zu schützen. adrienne maree brown nutzt in ihrem Buch Pleasure Activism(EN/DE) dafür das Bild einer Trockensteinmauer.
Stell dir eine Landschaft in Irland vor: eine niedrige Steinmauer zwischen zwei Feldern, die bewachsen ist mit Moosen, Flechten, Blümchen. So eine Grenze kann ein spannender Ort von Vielfalt und Wachstum sein. Im Englischen gibt es deshalb eine sprachliche Unterscheidung zwischen border (=Abgrenzung, Begrenzung) und boundary (=Übergangszone).
Trockensteinmauern a.k.a. „boundaries“ sind also nicht nur wichtig für uns, sondern auch in der Zusammenarbeit mit anderen.
Aber warum ist Grenzensetzen in der Praxis so schwierig, besonders am Arbeitsplatz?
Wie so oft, ist das kein individuelles Versagen: Fehlende Grenzen sind ein strukturelles Problem.
Machtstrukturen fördern Grenzüberschreitungen
In der Schule bekommen wir schon beigebracht, dass Menschen mit mehr Macht unsere Grenzen überschreiten können. Eine Schülergruppe erzählte mir letztens von einem Lehrer, der Schüler*innen schubst, beleidigt und erniedrigt. 2026. Beschweren? Folgenlos. Auch Frauen*, People of Colour und viele andere marginalisierte Menschen werden dazu sozialisiert, ihre Grenzen zu ignorieren. Sie sind quasi „grenzenlos“ verfügbar. Hauptsache, das Ding läuft! (Das Ding = der Unterricht, das Projekt, das Team, der Verein, die Familie, die Beziehung, die Betreuung von Angehörigen, Kapitalismus, ... ihr wisst schon.)
Warum Grenzen in Kultur & Sozialem besonders schwerfallen
Es wundert mich daher nicht im Geringsten, dass Grenzüberschreitungen sich auch in Teams und Projekten zeigen, die Menschen eigentlich stärken wollen. Z.B. im Kulturbereich, in NGOs, Verwaltungen, an der Uni oder auch in Sozialunternehmen.
Die starke Identifikation mit der Aufgabe, knappe Ressourcen und Selbstaufopferung führen zu verschwimmenden Arbeitszeiten, Schuldgefühlen rund um's „Nein“ und unsichtbarer Überlastung. Fehlende klare Regeln in flachen Hierarchien, fehlende Vorbilder in hierarchischen Strukturen sowie die Abwertung von Care-Arbeit verstärken das Problem. Gleichzeitig werden Idealismus und prekäre Arbeitsbedingungen ausgenutzt, um Überstunden zu normalisieren.
Was also tun?

7 Schritte, um deine Grenzen zu hüten 🌱
Innere Alarmglocken kennenlernen:
Unser Körper weiß ziemlich schnell, wenn Grenzen überschritten werden. Welche Signale gibt dir dein Körper? Mache öfter mal eine kurze Pause und beobachte an dir, an welchen Alarmsignalen du Grenzüberschreitungen erkennen kannst. Eine gute Meditations-Anleitung mit Atemübungen oder Körper-Scans kann dabei helfen. Ich mag Tara Brach z.B. sehr (EN). (Danke Aylin!)
Grenzen bewusst machen:
Leg dir eine „Okay/Nicht Okay“-Liste an. Kategorien können sein: Zusammenarbeit & Kommunikation mit Arbeitgeber*in/Kund*innen/Gäste/Partner*innen, Geld, Arbeitsplatz und -materialien, Arbeitszeit, Energie, Privatsphäre,… Bei Kommunikation könnte z.B. stehen: „Es ist okay für mich, wenn mich meine Chefin in akuten Notfällen im Frei anruft – z.B. wenn meine Outdoor-Veranstaltung wegen Hitze abgesagt werden muss.“ „Es ist nicht okay für mich, wenn mir meine Kollegin an meinem freien Tag Whatsapps mit arbeitsbezogenen Fragen an meine private Nummer schickt.“ Diese Liste darfst du ständig erweitern oder ändern. Es sind deine Grenzen, du bestimmst!
Grenze setzen:
„Liebe Renate, ich will an meinen freien Tagen nicht wegen job-bezogenen Kleinigkeiten auf meinem privaten Handy kontaktiert werden.“
Stehen lassen:
Keine Entschuldigung, keine Rechtfertigung, keine Rücknahme!
Konsequenzen aufzeigen:
„Ich werde in Zukunft nicht mehr darauf reagieren.“
Stark bleiben:
Versuch gelassen und wohlwollend mit Reaktionen anderer umzugehen. Gib ihnen eine Chance, sich an deine Grenzen zu gewöhnen und setze deshalb die Konsequenzen auch in die Tat um.
Wenn sich das schlechte Gewissen einschleicht:
Erinnere dich selbst freundlich daran, dass du Grenzen haben darfst. Nein, du bist kein Kollegenschwein, unprofessionell oder vernachlässigst irgendwelche Pflichten, nur weil du nicht alles mitmachst. Im Gegenteil: Du übernimmst Verantwortung für dich selbst und ein gesundes Arbeitsklima.
4 Bausteine für gesündere Grenzen im Team 🪨
Tabus brechen:
Okay – Nicht Okay-Listen (siehe oben) kann man auch im Team besprechen! Sie helfen dabei, versteckte Erwartungen auszudecken und Grenzen transparent zu machen. Wichtig: Es geht hier nicht darum, Grenzen anderer zu bewerten, sondern einen guten Umgang mit ihnen zu finden. Dafür braucht es einen ruhigen Moment und eine gute Moderation.
Nein üben:
In der Methodensammlung von Peter Dürrschmidt, Joachim Koblitz, Marco Mencke, Andrea Rolofs, Konrad Rump, Jochen Strasmann und Susanne Brenner habe ich eine super Team-Übung gefunden: Zehn Arten, nein zu sagen! Als Download hier verfügbar (DE).
Vorbild sein:
Du bist in einer Leitungsposition? Super! Deine Grenzen schützen auch andere. Sei ein Vorbild, setze deine Grenzen und mach sie im Team besprechbar, sodass sich auch andere trauen.
Banden bilden:
Strukturen und prekäre Arbeitsbedingungen zu ändern braucht Zeit und geht am besten mit anderen, z.B. in Betriebsräten, Gewerkschaften oder zusammen mit anderen Organisationen. Also: Sucht euch Verbündete!

Tools und Ressourcen für Projektmanager*innen: Weiterführende Tipps und Methoden
🙅🏾♀️ "Ich möchte lieber nicht." Wer Inspiration zum höflichen Setzen von Grenzen sucht, findet sie in Herman Melville’s Klassiker Bartleby der Schreiber. (DE/EN)
❤️🩹 In What it takes to heal beschäftigt sich Psycholog*in und Black Lives Matter-Aktivist*in Prentis Hemphill mit kollektiven Heilungsprozessen – und damit, was gesunde Grenzen mit Körper, Geist und Seele zu tun haben. (EN)
🍃Du willst dich intensiver mit deinen Grenzen auseinandersetzen und suchst dazu ein pragmatisches Werkzeug? Dann empfehle ich dir dieses Workbook der Kolleg*innen vom Anti-Stress-Team.(DE)
Dieser Text wurde zuerst in meinem Newsletter messy projects, Ausgabe 12 am 25.06.2026 veröffentlicht. Du willst meinen kompletten Newsletter einmal im Quartal erhalten? Dann melde dich hier an:
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